Gedichte von Nikola Živanović

übersetzt von Elena Messner

 

 

 

Alle Slogans unseres Vaterlandes

 

Als Siebenjähriger prügelte ich mich

Mit einem älteren Jungen aus der Nachbarschaft.

Er hatte ein breites Kiefer und einen höhnischen Blick.

Ich stürzte mich auf ihn mit Fäusten und Nägeln.

Er warf mich zu Boden und schlug auf mich ein,

Wir rauften, rissen, bissen

Bis uns ein Passant trennte.

Ich ging nach Hause, beschämt, schmutzig,

Den Mund voll Gras,

Und das Hemd mit unleserlichen Streifen bekritzelt;

Als wären auf ihm alle

Anzeigen, Werbungen, Mitteilungen

Und alle Slogans unseres Vaterlandes ausgeschrieben.

 

 

 

Das Festival des Biers in der Straße des Marschall Birjusow

 

Als ich in der Straße des Marschall Birjusow wohnte,

Hatte ich den Eindruck, dass sich das Zentrum Belgrads

Exakt in meinem Schalfzimmer befinde.

Ich lebte ruhig und eintönig:

Tagelang gehe ich nirgendwohin,

Der Zauber der Hauptstadt, Theater und literarische Events

Interessieren mich nicht,

Ich liege nur rum, lese und trinke Bier.

Wenn ich aus dem Bett aufstehe

Und zu Küche und Klo schreite,

Scheint es mir, als gehe ich in die Provinz.

 

 

 

Abgerissene Hosen

 

Ich hasse es, wenn du nach dem Sex

Verschüchtert ins Bad gehst,

Die Nacktheit versteckend.

Ich liebe es, wenn du stolz weggehst,

Wie ein Arbeiter in abgerissenen Hosen.

 

 

 

Visier

 

Wenn der Gewehrkolben sich auf die Schulter lehnt

Und die Schußposition eingenommen wird,

Wenn der Vogel auf dem nächstbesten Zweig zur Ruhe kommt,

Gibt es immer ein Gelenk zu viel,

Einen Knochen, der hervorspringt, und eine Niere,

Die in zehn Jahren aufgeben wird.

 

 

 

Intimität

 

Das allzu gut bekannte Geräusch deiner Schritte

Wenn du die Treppen hochkommst.

Der Schlüssel, der in deinen Händen rasselt

-Du trittst ein, mein Herz klopft schneller.

Das Rauschen der WC-Spülung und des Wasserhahns.

Du benutzt die gleichen Toilettenartikel,

die ich kurz zuvor benutzte.

Du verbingst dort viel Zeit.

Abschminken, Duschen,

Eincremen und wer weiß was.

Männer haben keine Ahnung

Auf wieviele Weisen sich

ein junger weiblicher Körper gebrauchen läßt.

Danach schaust du lange in den Spiegel,

Vergleichst dein Bild mit jenem,

Mit dem ich morgens meines verglich.

Du lässt noch einmal das Wasser runter. Gehst raus.

Machst das Licht aus; Und, nach einiger Zeit,

Hört man aus deinem Zimmer ein leises Schnarchen

Endlich kann ich einschlafen.

 

 

 

Sonne

 

Die Weizenfelder sind schuld

An unseren religiösen Irrtümern.

Allen Erzählungen vom zukünftigem Paradies,

Von der Unsterblichkeit der Seele, geht der Glaube voran,

Dass das jenseitige Leben nur der Beginn

Eines neuen diesseitigen ist,

Auf sanftem Wind und Sonne.

 

 

 

Benns Etüden

 

Später sah er Menschen

Auch außerhalb der Leichenhalle,
So wie er sie kurz zuvor zusammengefügt hatte.
Die Knochen auf denselben Orten,

Die gleichen Gewebe der Muskeln.

 

Es gab keine Geheimnisse der Geburt,

der Kindheit, oder des Aufwachsens.
Die Menschen kamen vom Seziertisch

vollkommen herab.

 

Am Ende des Tages schien es ihm,

Dass Gott zuviele Skizzen hinterließ,

Zuviele Entwürfe der Schöpfung

Restbestände, Fragmente, Notizen,
diese verräterischen Einblicke.

 

Er konnte nicht über Musik reden,

konnte die Notturnos nicht begründen.
Die Klaviatur diente ihm

Als Unterlage zum Sezieren

Der Hände Chopins,

seiner dünnen Finger.

Wenn er begann, lagen sie
auf e, fis, gis, h, c.

 

Er suchte neue Perspektiven

Noch unerforschte anatomische Lösungen

Unvorhergesehen am sechsten Tag der Schöpfung.

(Deswegen reiste Chopin nach England

mit drei Flügeln:
Pleyel, Erard, Broadwood);

 

Und Chopin kommt aus der Leichenhalle

verdunkelt von Müdigkeit und Todesnähe.
Leise, kaum sichtbar, fast ein Schatten,

Nicht sehr ergiebig im Gespräch, Schwacher Liebhaber;
Aus einem anderen Grund bestehend

aus artistischer Überzeugung
mit Benns
kleinen Hand.